Fast jede Ärztin, die Migräne behandelt, wird dich irgendwann nach einem Kopfschmerzkalender fragen. Fast jede Patientin hat schon einmal einen angefangen und nach zwei Wochen aufgegeben. Das liegt selten an der Disziplin und meistens am Zuschnitt: Wer zwanzig Felder pro Tag ausfüllen soll, hört auf, bevor die Daten aussagekräftig werden. Dieser Text beschreibt, was in ein Migräne-Tagebuch gehört, was raus kann und wie lange es laufen muss, damit am Ende etwas dabei herauskommt.

Was die Leitlinie dazu sagt

Die Patientenleitlinie Migräne, 1. Auflage September 2025, AWMF-Registernummer 030/057, wurde mit Mitteln der Deutschen Hirnstiftung, der Deutschen Gesellschaft für Neurologie und der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft realisiert. Sie kommt an zwei Stellen auf den Kalender zu sprechen. Zur Selbstbeobachtung heißt es, um die eigenen Auslöser und die Umstände des Auftretens besser zu beobachten, könne ein Kopfschmerzkalender hilfreich sein. Beim Thema Vorbeugung wird die Sprache verbindlicher: Betroffene sollten einen Kopfschmerzkalender führen, um den Erfolg oder Misserfolg der jeweiligen Prophylaxe zu dokumentieren.

Die DMKG stellt dafür kostenlose Kalender zum Ausdrucken in vierzehn Sprachen bereit, dazu eigene Varianten für Clusterkopfschmerz und Trigeminusneuralgie sowie die DMKG-App. Ihre Begründung fällt knapp aus: Ein Kopfschmerzkalender sei ein wertvolles Hilfsmittel zur Dokumentation von Kopfschmerz- und Migräneattacken, und wer regelmäßig einen führe, könne gemeinsam mit den Behandelnden Muster erkennen, Auslöser identifizieren und die Wirkung von Behandlungen besser nachvollziehen.

Wichtig ist die Reihenfolge dieser beiden Zwecke. Die verbindlichere Empfehlung der Leitlinie steht bei der Prophylaxe, die vorsichtigere bei der Auslösersuche. Ein Tagebuch dient also in erster Linie der Behandlung und erst in zweiter Linie der Frage, was die Attacken auslöst.

Die drei Angaben, die immer hineingehören

Erstens: Hattest du heute Kopfschmerzen, ja oder nein. Diese scheinbar banale Angabe ist die wichtigste im ganzen Kalender, weil sie die Zähleinheit liefert. Ohne die Zahl der Kopfschmerztage pro Monat lässt sich weder eine Prophylaxe bewerten noch die Grenze zur chronischen Migräne beurteilen. Die Leitlinie definiert sie als Kopfschmerzen an 15 oder mehr Tagen im Monat, davon mindestens 8 Tage als typischer Migräne-Kopfschmerz, über mehr als 3 Monate hinweg.

Zweitens: die Stärke. Eine dreistufige Einteilung in leicht, mittel und stark reicht völlig aus. Feinere Skalen klingen präziser, erzeugen aber vor allem Grübeleien am Abend. Die DMKG-App fragt an Tagen mit Kopfschmerzen zusätzlich nach Stärke, Dauer, weiteren Symptomen und der Medikamenteneinnahme und gibt an, der Eintrag sei in ein bis zwei Minuten erledigt. Das ist ungefähr die Grenze, bis zu der Menschen ein Tagebuch über Monate durchhalten.

Drittens: die Medikamenteneinnahme, und zwar jede. Das ist die Spalte, an der am meisten hängt. Als Grenze, ab der das Risiko für einen Kopfschmerz durch Medikamentenübergebrauch besteht, nennt die Leitlinie je nach Medikament die Einnahme an mindestens 10 oder 15 Tagen pro Monat, im Einzelnen 10 Einnahmetage für Triptane und Kombinationsschmerzmittel und 15 für Einzelsubstanzen von Schmerzmitteln. Diese Grenze überschreitet man nicht bewusst, sondern schleichend, und ohne Kalender merkt es niemand. Genau hier verdient sich ein Tagebuch seinen Aufwand zurück, noch vor jeder Auslöseranalyse.

Warum acht bis zwölf Wochen das sinnvolle Minimum sind

Die Zeitspanne kommt nicht aus dem Bauch, sie steht in der Behandlungslogik. Als wirksam gilt eine Migräneprophylaxe laut Leitlinie, wenn die Häufigkeit bei episodischer Migräne um mindestens 50 Prozent sinkt, bei chronischer Migräne um mindestens 30 Prozent. Prozentsätze brauchen einen Ausgangswert. Wer erst mit dem Kalender beginnt, wenn das Medikament schon läuft, hat diesen Ausgangswert nicht mehr und kann die Frage nach der Wirksamkeit nur noch schätzen.

Auch für die Entscheidung selbst ist der Zeitraum vorgegeben. Als Kriterium für einen Therapiewechsel oder -abbruch nennt die Leitlinie, dass innerhalb von 2 bis 3 Monaten nach Erreichen der Zieldosis keine befriedigende Besserung eingetreten ist. Bei den monoklonalen Antikörpern gegen CGRP lässt sich die Wirksamkeit meist innerhalb von 4 bis 12 Wochen beurteilen, wobei einige Behandelte eine ausreichende Besserung erst in weiteren 12 Wochen erfahren und bei chronischer Migräne bis zu 6 Monate beobachtet werden kann.

Acht bis zwölf Wochen sind damit die kürzeste Strecke, auf der ein Kalender überhaupt eine Entscheidung stützen kann. Für die Frage nach Wetterzusammenhängen gilt dasselbe aus einem anderen Grund: Du brauchst genug Tage mit und ohne Wetterwechsel, sonst vergleichst du zwei Handvoll Zufall miteinander. Was dabei realistisch herauskommen kann, ordnet unser Text über die Evidenz zur Wetterfühligkeit ein.

Was Rauschen ist

Die meisten überladenen Tagebücher scheitern an einer Annahme: dass mehr erfasste Felder zu mehr Erkenntnis führen. Das Gegenteil trifft zu. Zwanzig Variablen an vierzig unregelmäßig ausgefüllten Tagen ergeben eine Tabelle, in der sich rein zufällig immer irgendein Zusammenhang zeigen lässt. Drei Variablen an achtzig lückenlosen Tagen ergeben eine Aussage.

Besonders trügerisch ist die Rubrik Nahrungsmittel. Was am Vorabend gegessen wurde, wird gern als Auslöser notiert, obwohl der Heißhunger auf Süßes selbst schon ein Vorbotensymptom sein kann. Die Kopfschmerzforschung nimmt diese Verwechslung ernst: Die Calgary-Gruppe hält 2025 fest, dass manche selbstberichteten Auslöser in Wahrheit Symptome der Vorbotenphase sein dürften. Wer diese Phase separat erfasst, statt sie unter Auslöser zu verbuchen, bekommt sauberere Daten.

Auch die Leitlinie benennt eine Kehrseite offen: Die ständige Aufmerksamkeitslenkung auf Migräne und ihre Dokumentation kann Nachteile haben. Ein Tagebuch soll Daten liefern, nicht die Erkrankung ins Zentrum des Tages rücken. Zwei Minuten am Abend, dann zugeklappt.

Was beim Termin tatsächlich gebraucht wird

Die DMKG hat 2025 in der Fachzeitschrift Der Schmerz ihren strukturierten Kopfschmerzfragebogen vorgestellt. Er zeigt, welche Informationen in einer spezialisierten Sprechstunde gebraucht werden: Kopfschmerztage pro Monat, starke Kopfschmerztage pro Monat und Schmerzmitteltage pro Monat, dazu die Kopfschmerzcharakteristika mit Lokalisation, Charakter und Begleitsymptomen, aktuelle und frühere Medikamente samt Gründen für das Absetzen, nichtmedikamentöse Verfahren, Begleiterkrankungen sowie die Beeinträchtigung im Alltag über den MIDAS-Fragebogen.

Auffällig an dieser Liste ist, was nicht darauf steht. Nach Barometerwerten wird nicht gefragt. Was zählt, sind Tage, Stärke, Medikamente, Begleitsymptome und Beeinträchtigung. Wenn du zum Termin eine Übersicht dieser Größen über die letzten drei Monate mitbringst, hast du mehr geliefert als die meisten, und die Diskussion beginnt sofort bei der Behandlung.

Wenn du dabei auch die Absetzgründe früherer Prophylaxen notiert hast, sparst du eine weitere Runde. Der Unterschied zwischen einem Medikament, das nicht gewirkt hat, und einem, das wegen Nebenwirkungen abgesetzt wurde, entscheidet über die nächste Wahl. Der Fragebogen erfasst genau diese Unterscheidung.

Papier oder App

Beides funktioniert, aber nicht gleich gut. Die Patientenleitlinie hält fest, dass sich die Verlaufskontrolle per App in Studien als zuverlässiger erwiesen hat als Papiertagebücher. Der Grund ist einfach: Das Smartphone haben viele ständig dabei, sodass die Dokumentation unmittelbar erfolgen kann und niemand am Monatsende aus dem Gedächtnis rekonstruiert. Ausgedruckte Kalender haben dafür den Vorteil, dass sie ohne Setup funktionieren und in jeder Sprechstunde ohne Erklärung auf dem Tisch liegen können.

Wenn du dich für eine App entscheidest, empfiehlt die Leitlinie, darauf zu achten, dass sie mit Hilfe von Kopfschmerzexpertinnen und -experten entwickelt wurde und dass sich ihre Empfehlungen an wissenschaftlichen Leitlinien orientieren. Genannt wird dort die auf Initiative der DMKG entwickelte DMKG-App, ein kostenloser und werbefreier Kopfschmerzkalender, der allein oder zusammen mit dem Kopfschmerzregister der DMKG genutzt werden kann. Ebenso deutlich hält die Leitlinie fest, dass Apps begleitende Medien sind und den Kontakt zu Ärztinnen und Ärzten nicht ersetzen können, und dass ausreichende Studien zu ihrer Effektivität derzeit nicht vorliegen.

Daneben gibt es Apps, die diesen Anspruch nicht erheben und andere Schwerpunkte setzen. Die MigrAid-App etwa erfasst Luftdruck, Temperatur und Luftfeuchte automatisch zu jedem Eintrag, bildet die Phasen Vorboten, Attacke und Nachphase getrennt ab und exportiert den gewählten Zeitraum als PDF oder CSV für den Arzttermin. Welches Werkzeug es wird, ist am Ende zweitrangig. Entscheidend ist, dass du dasselbe Format über die volle Strecke durchhältst. Ein Wechsel nach sechs Wochen kostet dich die Vergleichbarkeit und damit den Ausgangswert.

So kommst du durch die ersten vier Wochen

Koppele die Eintragung an einen festen Ankerpunkt am Abend, direkt vor eine Gewohnheit, die ohnehin jeden Tag stattfindet. Trage auch die guten Tage ein, denn ein Kalender ohne beschwerdefreie Tage kann keinen Anteil berechnen. Und lass Lücken stehen, statt sie später aus dem Gedächtnis zu füllen. Eine ehrliche Lücke schadet weniger als ein erfundener Wert.

Wenn nach vier Wochen die Motivation nachlässt, ist das der normale Verlauf und kein Scheitern. Reduziere dann lieber auf die drei Pflichtangaben, als ganz aufzuhören. Ein Kalender, der nur Kopfschmerztage, Stärke und Medikamente enthält, aber lückenlos geführt ist, beantwortet mehr Fragen als ein detailreicher, in dem nur ein halber Monat ausgefüllt ist.

Wenn du in Österreich oder der Schweiz lebst, lohnt ein Blick in das eigene Kapitel der Patientenleitlinie zu beiden Ländern. Dort steht, welche Prophylaxen jeweils zugelassen und erstattet sind, und es werden Anlaufstellen genannt, in Österreich die Selbsthilfegruppe Kopfweh und in der Schweiz Migraine Action. Und wenn sich die Attacken häufen, die Wirkung der Akutmedikation nachlässt oder ungewohnte Symptome auftreten, gehört das ohnehin in die Sprechstunde. Der Kalender ist dann kein Ersatz für den Termin, sondern das, was ihn erst produktiv macht. Wie stark das Wetter am eigenen Wohnort überhaupt schwankt, kannst du parallel auf unseren Stadtseiten nachsehen, etwa für Berlin, Wien oder München.

Häufige Fragen

Wie lange sollte ich ein Migräne-Tagebuch führen?

Mindestens acht bis zwölf Wochen. Diese Spanne ergibt sich aus der Behandlungspraxis: Die Patientenleitlinie Migräne nennt 2 bis 3 Monate nach Erreichen der Zieldosis als Frist, um über Fortführung oder Wechsel einer Prophylaxe zu entscheiden, und bei den CGRP-Antikörpern lässt sich die Wirkung meist innerhalb von 4 bis 12 Wochen beurteilen.

Was muss mindestens im Kalender stehen?

Drei Angaben genügen: ob der Tag ein Kopfschmerztag war, wie stark der Schmerz war und welche Medikamente du genommen hast. Aus dem ersten Punkt ergibt sich die Zahl der Kopfschmerztage pro Monat, aus dem dritten die Kontrolle über die Schwelle zum Medikamentenübergebrauch, die die Leitlinie je nach Medikament bei mindestens 10 oder 15 Einnahmetagen pro Monat ansetzt.

Soll ich Auslöser wie Essen und Wetter mitschreiben?

Nur wenn die Pflichtangaben sicher stehen. Selbstberichtete Auslöser sind fehleranfällig, weil Vorbotensymptome wie Heißhunger oder gesteigerte Reizempfindlichkeit leicht mit Ursachen verwechselt werden. Sinnvoller ist es, die Vorbotenphase als eigene Kategorie zu erfassen und Umgebungsdaten automatisch mitlaufen zu lassen, statt sie von Hand einzutragen.

Papierkalender oder App?

Die Patientenleitlinie verweist darauf, dass sich die Verlaufskontrolle per App in Studien als zuverlässiger erwiesen hat als Papiertagebücher, vor allem weil der Eintrag unmittelbar erfolgt. Sie hält zugleich fest, dass Apps den Arztkontakt nicht ersetzen. Die DMKG bietet beides an: ausdruckbare Kalender in vierzehn Sprachen und die kostenlose, werbefreie DMKG-App.

Was will die Neurologin beim Termin sehen?

Kopfschmerztage pro Monat, starke Kopfschmerztage, Schmerzmitteltage, Lokalisation und Charakter des Schmerzes, Begleitsymptome sowie aktuelle und frühere Medikamente samt Grund für das Absetzen. Dazu Begleiterkrankungen und die Beeinträchtigung im Alltag über den MIDAS-Fragebogen. Diese Punkte deckt der strukturierte Kopfschmerzfragebogen der DMKG ab.

Quellen