Wenn du Migräne hast und in Deutschland, Österreich oder der Schweiz lebst, hast du den Satz schon gesagt oder gehört: Da kommt ein Wetterwechsel. Die Überzeugung ist verbreitet, alt und in der Sprache verankert. Die Belege dahinter sind uneinheitlicher, als beide Lager gern hätten. Die Wetterskeptiker haben unrecht, die Wetterfixierten aber auch. Dieser Text sortiert, was tatsächlich untersucht wurde, mit welchen Zahlen und mit welchen Grenzen.
Wie viele Menschen sich für wetterfühlig halten
Der Ausgangspunkt ist keine Studie, sondern eine Umfrage. Der Deutsche Wetterdienst hat im Auftrag des Umweltbundesamtes 1.623 Menschen befragt. 50 Prozent gaben an, das Wetter habe Einfluss auf ihre Gesundheit. Bei den Wetterfühligen standen Kopfschmerzen und Migräne mit 59 Prozent an erster Stelle, gefolgt von Müdigkeit mit 55 Prozent, Abgeschlagenheit mit 49 Prozent, Gelenkschmerzen mit 42 Prozent und Schlafstörungen mit 40 Prozent. 29 Prozent der Wetterfühligen waren im Jahr vor der Befragung mindestens einmal nicht in der Lage, ihrer normalen Tätigkeit nachzugehen.
Diese Zahlen sagen etwas über Überzeugungen aus, nicht über Ursachen. Sie sind trotzdem wichtig, weil sie den Maßstab liefern: Jede zweite befragte Person hält sich für wetterfühlig. Wenn die Wirklichkeit dahinter deutlich kleiner ist, betrifft dieser Abstand sehr viele Menschen.
Wo das Wetter in der Auslöserliste steht
Die meistzitierte Erhebung zu Migräneauslösern stammt von Lawrence Kelman und erschien 2007 in Cephalalgia. Ausgewertet wurden 1.207 Patientinnen und Patienten, die die Kriterien der internationalen Kopfschmerzklassifikation erfüllten. 75,9 Prozent berichteten überhaupt von Auslösern.
Die Rangfolge ist aufschlussreich. An erster Stelle steht Stress mit 79,7 Prozent, danach Hormone bei Frauen mit 65,1 Prozent, dann ausgelassene Mahlzeiten mit 57,3 Prozent. Erst auf Platz vier folgt das Wetter mit 53,2 Prozent, knapp vor Schlafstörungen mit 49,8 Prozent. Danach kommen Gerüche mit 43,7 Prozent, Nackenschmerzen mit 38,4 Prozent und Licht mit 38,1 Prozent.
Das Wetter ist also ein häufig genannter Auslöser, aber nicht der wichtigste, und die drei Faktoren darüber haben eines gemeinsam: Du kannst sie beeinflussen. Wer den Winter über auf den Luftdruck starrt und dabei den unregelmäßigen Schlaf und die ausgefallene Mittagspause übersieht, arbeitet am schwächeren Hebel. Es lohnt sich, das im eigenen Kalender in dieser Reihenfolge zu prüfen. Zu bedenken ist dabei, dass auch Kelmans Zahlen Selbstauskünfte sind und keine gemessenen Zusammenhänge.
Was herauskommt, wenn man zählt statt fragt
Die belastbarste Einzelarbeit zum Thema ist eine Fall-Crossover-Studie von Mukamal und Kollegen, 2009 in Neurology erschienen. Ausgewertet wurden 7.054 Personen, die zwischen Mai 2000 und Dezember 2007 mit der Entlassungsdiagnose Kopfschmerz in einer einzelnen Notaufnahme behandelt wurden. Verglichen wurden Temperatur, Luftdruck, Luftfeuchte und mehrere Luftschadstoffe der drei 24-Stunden-Zeiträume vor der Vorstellung mit den Werten an den übrigen gleichen Wochentagen desselben Monats.
Das deutlichste Signal kam nicht vom Luftdruck, sondern von der Temperatur: Pro fünf Grad Celsius höherer mittlerer Lufttemperatur in den 24 Stunden vor der Vorstellung stieg das Risiko um 7,5 Prozent (Odds Ratio 1,075; 95-Prozent-Konfidenzintervall 1,021 bis 1,133). Ein tieferer Luftdruck 48 bis 72 Stunden vor der Vorstellung erhöhte das Risiko ebenfalls, allerdings nur für Kopfschmerzen ohne Migränediagnose. Für die aktuellen Luftschadstoffwerte fand sich kein Zusammenhang.
Bemerkenswert daran ist die Zeitstruktur. Der Druckeffekt zeigte sich nicht am selben Tag, sondern mit zwei bis drei Tagen Abstand, und er betraf gerade nicht die Migränegruppe. Wer bei Migräne auf den Momentanwert des Barometers schaut, sucht also nach etwas, das diese Arbeit dort nicht gefunden hat.
Die Studien, die nichts finden
Ein ehrlicher Überblick muss auch die Nullbefunde nennen, und davon gibt es mehr, als in Ratgebertexten üblich ist. 2025 erschien in Frontiers in Neurology eine japanische Kohortenstudie auf Basis von Abrechnungsdaten der Krankenversicherung, verknüpft mit meteorologischen Daten. Eingeschlossen waren 26.777 Personen aus acht Regionen. Als Endpunkt diente die Zeit vom Beginn einer Jahreszeit bis zur ersten Triptanverordnung.
Das Ergebnis ist uneinheitlich. Für die Jahreszeit mit der größten Luftdruckänderung lag die Hazard Ratio im schwach adjustierten Modell bei 0,970 (95-Prozent-Konfidenzintervall 0,951 bis 0,989), im voll adjustierten Modell bei 1,294 (1,007 bis 1,663). Die beiden Modelle zeigen also in entgegengesetzte Richtungen. Die Autorinnen und Autoren ziehen daraus den Schluss, dass sie keinen signifikanten Zusammenhang zwischen Jahreszeiten mit ausgeprägter Luftdruckänderung und dem Auftreten von Migräne feststellen konnten. Als Schwäche nennen sie, dass die Wohnorte nur auf Präfekturebene vorlagen, und empfehlen für künftige Arbeiten feiner aufgelöste Ortsangaben.
Eindeutiger fiel die prospektive Untersuchung an 60 Kindern und Jugendlichen im kanadischen Chinookgebiet aus. Über 1.253 vollständige Tagebuchtage ließ sich weder auf Gruppenebene noch für eine einzelne Person ein signifikanter Zusammenhang mit dem Windereignis zeigen. Mehr dazu steht in unserem Text über Föhn und Migräne.
Was die Zusammenschau ergibt
Im April 2025 erschien im Journal of Neurology eine systematische Übersichtsarbeit mit Metaanalyse von Li und Kollegen, die 31 Studien zusammenfasst. Für Wetterwechsel als berichteten Auslöser ergab sich eine Risikodifferenz von 0,47 (95-Prozent-Konfidenzintervall 0,40 bis 0,54). Für die einzelnen Wetterfaktoren fielen die Werte deutlich kleiner aus: Temperatur mit einer Odds Ratio von 1,15 (1,02 bis 1,29), Umgebungsdruck mit 1,07 (1,01 bis 1,15). Die Luftfeuchte war mit 1,04 (0,97 bis 1,11) nicht signifikant.
Diese Diskrepanz ist der Kern der ganzen Debatte. Fragt man Menschen, ob Wetter ihre Migräne auslöst, sagt rund die Hälfte ja. Misst man den Zusammenhang, bleiben Effekte in der Größenordnung von sieben bis fünfzehn Prozent erhöhter Chance übrig. Beides kann gleichzeitig stimmen, wenn die Empfindlichkeit stark individuell ist und nur wenige Menschen sie tatsächlich haben.
Eines fällt beim Durchgehen dieser Arbeiten besonders auf: Keine von ihnen hat einen absoluten hPa-Grenzwert geprüft. Untersucht wurden Temperaturen und Drücke in bestimmten Zeitfenstern vor dem Ereignis, Jahreszeiten mit größerer oder kleinerer Druckänderung und selbstberichtete Wetterwechsel. Eine feste Zahl, ab der es kritisch wird, kommt in keinem dieser Modelle vor. Warum sie auch praktisch nicht funktionieren kann, erklären wir im Text über Stationsdruck und reduzierten Luftdruck.
Überzeugung und Auswertung gehen auseinander
Das ist der unbequemste Teil. Prince und Kollegen verglichen 2004 in der Fachzeitschrift Headache beides miteinander. 77 Migränepatientinnen und -patienten führten Kalender über zwei bis 24 Monate. 48 von ihnen (62,3 Prozent) waren überzeugt, Wetter sei bei ihnen ein Auslöser. In der Auswertung erwiesen sich 39 der 77 (50,6 Prozent) als wetterempfindlich: 26 Personen (33,7 Prozent) gegenüber der Kombination aus Temperatur und Feuchte, elf (14,3 Prozent) gegenüber Wetterwechselmustern, zehn (12,9 Prozent) gegenüber dem Luftdruck. Das Fazit der Arbeit lautet, dass mehr Patientinnen und Patienten das Wetter für einen Auslöser hielten, als tatsächlich der Fall war. Wie stark sich Überzeugte und Empfindliche personell überschneiden, gibt die Arbeit nicht an.
Eine Arbeit von Hoffmann und Kollegen, 2011 im Journal of Neurology erschienen, ging feiner vor: Sie glich die Tagebücher von 20 Migränebetroffenen über zwölf zusammenhängende Monate in Vier-Stunden-Intervallen mit meteorologischen Daten ab. Ein hochsignifikanter Zusammenhang fand sich bei sechs Personen. Bei den übrigen vierzehn nicht. Attackenbeginn und hohe Schmerzintensität waren dabei mit niedrigerer Temperatur und höherer Luftfeuchte verbunden, also nicht mit dem Luftdruck.
Ein Teil dieses Abstands geht vermutlich auf die Vorbotenphase zurück. Die Empfindlichkeit gegenüber Licht, Geräuschen und Umgebungsreizen setzt oft Stunden vor dem Schmerz ein. Wer dann aus dem Fenster schaut und die aufziehende Front sieht, hält für die Ursache, was in Wahrheit schon Folge ist.
Warum ein Nullergebnis ein Ergebnis ist
Wenn du nach acht bis zwölf Wochen sauberer Aufzeichnung feststellst, dass deine Attacken nicht mit dem Wetter zusammenhängen, hast du keine Zeit verloren. Du hast einen Verdächtigen ausgeschlossen, gegen den du ohnehin nichts unternehmen kannst, und Aufmerksamkeit für Faktoren frei gemacht, die in Kelmans Rangliste weiter oben stehen und sich tatsächlich beeinflussen lassen.
Genau dafür lohnt der Aufwand des Mitschreibens. Manche Tracking-Apps nehmen dir den Wetterteil ab, die MigrAid-App zum Beispiel speichert Luftdruck, Temperatur und Luftfeuchte automatisch zu jedem Eintrag, sodass du nur noch die Attacke selbst erfassen musst. Welche Angaben sinnvoll sind und welche nur Arbeit machen, steht in unserer Anleitung zum Migräne-Tagebuch.
Wer wissen will, wie stark das Wetter am eigenen Wohnort überhaupt schwankt, findet auf unseren Stadtseiten die gemessenen Werte, etwa für Hamburg mit 1.013 hPa im Mittel und Tagesschwankungen von 6 bis 14 hPa oder für Zürich mit 965 hPa und 4 bis 10 hPa.
Was gesichert ist, kurz zusammengefasst
Gesichert ist, dass Wetter von etwa der Hälfte der Betroffenen als Auslöser genannt wird, dabei aber hinter Stress, hormonellen Faktoren und ausgelassenen Mahlzeiten rangiert. Gesichert ist ein messbarer, kleiner Zusammenhang zwischen höherer Temperatur und akuten Kopfschmerzen, belegt an 7.054 Notaufnahmefällen und gestützt durch die Metaanalyse von 2025.
Nicht gesichert ist, dass Luftdruck für die Mehrheit der Betroffenen relevant ist. In der Analyse von Mukamal zeigte er sich nur für Kopfschmerzen ohne Migränediagnose, in der Tagebuchreihe von Hoffmann gar nicht, und eine japanische Kohorte mit 26.777 Personen kam für Jahreszeiten mit starken Druckänderungen zu keinem signifikanten Ergebnis. Nicht gesichert ist auch, dass Luftfeuchte eine eigenständige Rolle spielt.
Und nicht gesichert ist vor allem die eigene Wetterfühligkeit. In der Arbeit von Prince hielten sich deutlich mehr Menschen für wetterempfindlich, als die Kalenderauswertung anschließend fand. Was sich daraus ableiten lässt, ist unspektakulär und trotzdem nützlich: Prüfe es an deinen eigenen Daten, statt es zu glauben oder abzustreiten. Und besprich das Ergebnis bei häufigen Attacken mit deiner Ärztin oder deinem Arzt, weil die Konsequenzen daraus in die Behandlung gehören und nicht in den Wetterbericht.
Häufige Fragen
Ist Wetterfühligkeit bei Migräne wissenschaftlich anerkannt?
Teilweise. Metaanalytisch zeigen sich für Temperatur (Odds Ratio 1,15) und Umgebungsdruck (1,07) kleine, aber signifikante Zusammenhänge, für Luftfeuchte nicht. Gleichzeitig finden mehrere sorgfältige Kohorten- und Tagebuchstudien gar keinen Effekt. Das Bild, das sich über die Arbeiten hinweg abzeichnet: Es gibt eine empfindliche Untergruppe, sie ist aber kleiner als die Zahl derer, die sich dazuzählen.
Wie viel Luftdruckänderung ist relevant?
Eine allgemeingültige Schwelle gibt es nicht, und das ist kein Versäumnis der Forschung, sondern ein Ergebnis. Keine der hier zitierten Arbeiten hat überhaupt einen absoluten hPa-Grenzwert geprüft. Untersucht wurden Werte in Zeitfenstern von 24 bis 72 Stunden vor dem Ereignis. In der Analyse von Mukamal und Kollegen zeigte sich der Druckeffekt erst mit 48 bis 72 Stunden Verzögerung, und auch dort nur für Kopfschmerzen ohne Migränediagnose.
Warum spüre ich das Wetter so deutlich, wenn die Studien so wenig finden?
Dafür gibt es zwei gute Erklärungen. Erstens ist die Empfindlichkeit individuell: In der Tagebuchstudie von Hoffmann und Kollegen war der Zusammenhang bei sechs von 20 Personen hochsignifikant und bei den übrigen nicht. Zweitens beginnt die Reizempfindlichkeit oft schon in der Vorbotenphase, sodass der wahrgenommene Auslöser in Wirklichkeit ein frühes Symptom sein kann.
Wie lange muss ich aufzeichnen, um es für mich zu klären?
Acht bis zwölf Wochen sind das sinnvolle Minimum, weil du genug Tage mit und ohne Wetterwechsel brauchst, um überhaupt vergleichen zu können. In der Studie von Prince und Kollegen reichten die Aufzeichnungen von zwei bis 24 Monaten. Wichtiger als die Menge der erfassten Felder ist, dass du dieselben wenigen Angaben durchgehend erfasst.
Quellen
- Kelman L: The triggers or precipitants of the acute migraine attack. Cephalalgia 2007;27(5):394 bis 402
- Mukamal KJ, Wellenius GA, Suh HH, Mittleman MA: Weather and air pollution as triggers of severe headaches. Neurology 2009;72(10):922 bis 927
- Tatsumoto M, Hirata K, Nakayama T et al.: Association between seasons with substantial atmospheric pressure change and migraine occurrence. Frontiers in Neurology 2025;16:1600822
- Li S, Liu Q, Ma M, Fang J, He L: Association between weather conditions and migraine, a systematic review and meta-analysis. Journal of Neurology 2025;272(5):346
- Prince PB, Rapoport AM, Sheftell FD, Tepper SJ, Bigal ME: The effect of weather on headache. Headache 2004;44(6):596 bis 602
- Hoffmann J, Lo H, Neeb L, Martus P, Reuter U: Weather sensitivity in migraineurs. Journal of Neurology 2011;258(4):596 bis 602
- Deutscher Wetterdienst, Thema des Tages: Wetterfühligkeit, 22.07.2021 (Befragung im Auftrag des Umweltbundesamtes)
- Villaruz RH, Kuziek J, Sjonnesen K et al.: Chinook winds and migraine attack onset in children and adolescents. Headache 2025, DOI 10.1111/head.15093