Südlich der Donau braucht der Satz keine Begründung. Der Föhn kommt, und der Kopf weiß es zuerst. Kaum ein anderer Wetterbegriff im deutschsprachigen Raum ist so fest mit medizinischer Alltagsgewissheit verbunden wie dieser warme Fallwind. Sieht man nach, was dazu tatsächlich untersucht wurde, bleibt allerdings sehr wenig übrig. Genau dieser Abstand zwischen Überzeugung und Beleg ist der interessante Teil.

Was beim Föhn tatsächlich passiert

Beim klassischen Südföhn liegen auf beiden Seiten der Alpen verschiedene Luftmassen. Der Deutsche Wetterdienst beschreibt den Vorgang in seiner Fachreihe promet am Beispiel der Brennersenke: Die Warmluft wird nach Nordosten geführt, während auf der Südseite in der Poebene noch die Kaltluft liegt. Der hydrostatisch bedingte Druckunterschied zwischen beiden Seiten reicht aus, um die Strömung durch den Gebirgseinschnitt in Gang zu setzen. Die Luft steigt im Lee des Gebirges herab, erwärmt sich dabei und trocknet relativ aus: Der Wasserdampfgehalt bleibt gleich, aber die relative Feuchte sinkt.

Für dich am Talboden ist eine zweite Beobachtung derselben Arbeit die wichtigere. Stromabwärts des Einschnitts fällt der Bodendruck. Dieser Druckfall tritt laut promet bei allen schnellen Einschnittströmungen auf und bleibt deshalb sogar im Mittel längerer Messreihen sichtbar. Bei hochreichendem Föhn fällt er stärker aus als bei seichtem, weil die Luft aus größeren Höhen herabsteigt. Der Druck sinkt während der Föhnlage also, statt zu steigen. Und weil derselbe hydrostatische Zusammenhang auch rückwärts gilt, kehrt sich das um, sobald sich das Tal wieder mit kälterer und damit dichterer Luft füllt.

Das ist der Grund, warum der Föhn als Verdächtiger so plausibel wirkt. Er bündelt in wenigen Stunden Druckfall, Temperatursprung und einen Rückgang der Luftfeuchte, also gleich mehrere der Größen, die in der Wetterforschung überhaupt mit Kopfschmerz in Verbindung gebracht werden. Plausibel ist allerdings noch kein Befund.

Was 40 gemessene Städte zeigen

Für unsere Stadtseiten haben wir für 40 Städte in Deutschland, Österreich und der Schweiz je drei Jahre stündlichen Luftdruck aus dem Open-Meteo-Archiv ausgewertet, und zwar den vor Ort gemessenen Druck, nicht den auf Meereshöhe umgerechneten. Die Mittelwerte im Alpenraum liegen entsprechend tief: Innsbruck bei 950 hPa, München bei 956, Salzburg und Luzern bei je 966, Zürich bei 965. Hamburg kommt im selben Zeitraum auf 1.013.

Diese Differenz hat mit Wetter nichts zu tun, sie ist reine Höhenlage. Warum das so ist und warum eine absolute hPa-Zahl deshalb als persönliche Migräneschwelle nichts taugt, steht ausführlich in unserem Text über Stationsdruck und reduzierten Luftdruck.

Interessanter als der Mittelwert ist der Kalender. In den meisten deutschen Städten unseres Datensatzes liegt der unruhigste Abschnitt des Jahres zwischen Dezember und Februar. Im Alpenvorland und im Alpenraum beginnt er früher. In München und Augsburg ist der November der unruhigste Monat und nicht der Januar, in Zürich folgen auf den November der Januar und der März.

Diesen Befund sollte man nicht überstrapazieren. Er zeigt, dass der Jahresgang im Süden anders liegt als im Norden. Er zeigt nicht, dass der Föhn die Ursache dafür ist. Basel trägt dieselbe Verschiebung in den Spätherbst, ohne dass in unserer Auswertung dort ein Föhn eine Rolle spielt. Unsere Daten trennen Föhnlagen auch gar nicht von anderen Wetterlagen, und darüber, wie viele Menschen auf sie mit einer Attacke reagieren, sagen sie nichts.

Die Studienlage: sehr dünn

Eine Untersuchung zu Föhn und Migräne aus dem Alpenraum selbst haben wir nicht gefunden. Auch die Fachliteratur behandelt die Föhnkrankheit als Überlieferung: Die Calgary-Gruppe schreibt 2025, in Süddeutschland, Österreich und der Schweiz werde den Föhnwinden nachgesagt, sie brächten den Bewohnerinnen und Bewohnern eine Föhnkrankheit, zu deren Symptomen Migräneattacken und andere Kopfschmerzarten zählten. Nachgesagt ist dabei das entscheidende Wort.

Die brauchbarsten Daten stammen deshalb aus Calgary, wo der Chinook demselben Windtyp entspricht: ein Fallwind auf der Leeseite eines Hochgebirges mit abruptem Temperaturanstieg. Cooke, Rose und Becker werteten 75 Kopfschmerztagebücher aus der Kopfschmerzsprechstunde der Universität Calgary aus und veröffentlichten das Ergebnis 2000 in Neurology. Die Chance eines Attackenbeginns war an den Tagen unmittelbar vor dem Chinook erhöht (Odds Ratio 1,24; 95-Prozent-Konfidenzintervall 1,08 bis 1,42) und an Chinooktagen selbst (1,19; 1,02 bis 1,39). Innerhalb der Chinooktage stach die windstarke Variante über 38 km/h heraus (1,41; 1,06 bis 1,88).

Der wichtigste Satz dieser Arbeit steht hinter den Zahlen. Eine Untergruppe reagierte auf windstarke Chinooktage, eine andere nur auf die Tage davor, genau zwei Personen auf beides, und die Mehrheit der Untersuchten war gegenüber keiner der beiden Konstellationen empfindlich. Es handelt sich also um einen Effekt in einer Minderheit, nicht um eine allgemeine Regel.

2025 hat dieselbe Arbeitsgruppe die Frage bei Kindern und Jugendlichen erneut gestellt, prospektiv und mit täglichen Tagebüchern. 60 Teilnehmende zwischen 8 und 18 Jahren lieferten 1.253 vollständige Tage, darunter 144 Tage mit Attackenbeginn. Weder für die Tage vor dem Chinook (bereinigte Odds Ratio 0,98; 0,54 bis 1,78) noch für Chinooktage (1,15; 0,69 bis 1,91) fand sich ein Zusammenhang, und keine einzige Person erreichte für sich genommen die Signifikanzschwelle. Die Autorinnen und Autoren nennen als mögliche Erklärung ausdrücklich auch die begrenzte statistische Aussagekraft ihrer Stichprobe. Für Erwachsene, schreiben sie im selben Text, sei der Zusammenhang mit dem Chinook in prospektiven Arbeiten dagegen wiederholt gefunden worden und scheine mit dem Alter zuzunehmen.

Die Münchner Befragung und die Zahl, die alle zitieren

In deutschsprachigen Ratgebertexten kursiert eine konkrete Zahl: rund zehn Prozent mehr Kopfschmerzanfälle an föhnstarken Tagen, erhoben an gut tausend föhnfühligen Münchnerinnen und Münchnern. Wir haben versucht, diese Angabe bis zur Originalveröffentlichung zurückzuverfolgen, und sind gescheitert.

Auffinden ließ sich stattdessen ein Interview, das der Arzt, Humanbiologe und Physiker Jürgen Kleinschmidt 2010 der Abendzeitung München gab. Darin beschreibt er eine Befragung von tausend wetterfühligen Münchnerinnen und Münchnern, die täglich nach ihren Beschwerden gefragt wurden. Die Beschwerden schwankten, aber es litten nicht immer dieselben Personen am stärksten. Sein Fazit fällt deutlich aus: Zwischen Föhn und Kopfweh sieht er definitiv keinerlei Zusammenhang. Die Zeitung überschrieb das Interview mit „Freispruch für den Föhn“.

Damit steht es so: Die verbreitete Zehnprozentzahl lässt sich nicht belegen, und die einzige Quelle zu dieser Befragung, die wir finden konnten, sagt das Gegenteil dessen, wofür die Zahl herangezogen wird. Wir rechnen deshalb nicht mit ihr. Wer eine Zahl in einem Gesundheitstext liest, sollte wissen, woher sie kommt. Bei dieser wissen wir es nicht, und das gehört dazugesagt.

Warum der Ruf trotzdem so groß ist

Wetterfühligkeit ist im deutschsprachigen Raum kein Randphänomen. In einer Befragung, die der Deutsche Wetterdienst im Auftrag des Umweltbundesamtes durchführte, gaben von 1.623 Personen 50 Prozent an, das Wetter habe Einfluss auf ihre Gesundheit. Das am häufigsten genannte Symptom waren bei den Wetterfühligen Kopfschmerzen und Migräne mit 59 Prozent, vor Müdigkeit mit 55 Prozent. Der Föhn ist in Bayern, Österreich und der Schweiz das Gesicht dieser Überzeugung.

Dazu kommt eine Verwechslung, die die Kopfschmerzforschung ernst nimmt. Die Calgary-Gruppe hält 2025 fest, dass manche selbstberichteten Auslöser in Wahrheit Symptome der Vorbotenphase einer bereits begonnenen Attacke sein dürften, und dass diese Verzerrung auch für wetterbezogene Auslöser gelten könnte. Ihr Beispiel ist das Sonnenlicht: Wer es als Auslöser wahrnimmt, spürt möglicherweise schon die Lichtempfindlichkeit der Vorbotenphase. Wer dann das Föhnfenster über den Bergen sieht und den Zusammenhang herstellt, verwechselt Reihenfolge mit Ursache.

Der Föhn hat außerdem einen unfairen Vorteil gegenüber anderen Verdächtigen: Man sieht ihn. Er hat einen Namen, eine Wolkenmauer und eine Fernsicht, die auffällt. Ein Auslöser, den man am Himmel ablesen kann, zieht Zuschreibungen an, die dem zu kurzen Schlaf oder der ausgelassenen Mahlzeit entgehen. Und in der Erinnerung bleibt der Föhntag mit der Attacke, nicht die zwölf Föhntage ohne.

Wie du deine eigene Föhnempfindlichkeit prüfst

Weil die Forschung die Frage für den Alpenraum nicht beantwortet, bleibt nur die eigene Aufzeichnung. Und zwar über einen Zeitraum, der genug Föhnereignisse enthält. In München und Luzern liegt der unruhigste Abschnitt des Jahres zwischen November und Januar, in Innsbruck und Salzburg zwischen November und Jänner, in Zürich kommen nach dem November noch Januar und März dazu. Acht bis zwölf Wochen sind das sinnvolle Minimum, alles darunter liefert zu wenige Vergleichstage.

Notwendig sind dabei nur wenige Angaben: Hatte ich heute Kopfschmerzen, wie stark waren sie, habe ich ein Medikament genommen. Das Wetter musst du nicht selbst mitschreiben, sonst wird aus dem Tagebuch eine Zweitbeschäftigung. Manche Tracking-Apps übernehmen diesen Teil, die MigrAid-App zum Beispiel speichert Luftdruck, Temperatur und Luftfeuchte automatisch zu jedem Eintrag, sodass du nur die Attacke selbst erfasst. Wie so ein Eintrag aussehen sollte und was reines Rauschen ist, steht in unserer Anleitung zum Migräne-Tagebuch.

Ein Nullergebnis ist dabei kein verlorener Winter. Wenn nach zwölf Wochen kein Zusammenhang sichtbar wird, hast du einen Verdächtigen ausgeschlossen und kannst die Aufmerksamkeit dorthin lenken, wo sie mehr bringt. Das ist ein Ergebnis, kein Misserfolg.

Der ehrliche Stand

Der Föhn ist im Druckverlauf gut dokumentiert. Als Migräneauslöser ist er kaum untersucht, und für die Alpen gar nicht. Was es gibt, kommt aus Kanada: eine Tagebuchstudie an 75 Personen aus einer Kopfschmerzsprechstunde mit einem Effekt zwischen Faktor 1,19 und 1,41, beschränkt auf eine Untergruppe, während die Mehrheit nicht reagierte, und eine prospektive Untersuchung an 60 Kindern und Jugendlichen, die nichts fand. Die einzige Münchner Befragung, die sich belegen ließ, verneint den Zusammenhang.

Das ist weder ein Freispruch noch eine Bestätigung, sondern eine offene Frage. Wenn du zu einer empfindlichen Untergruppe gehörst, ist das für dich relevant und lässt sich planen. Wenn nicht, kostet der Glaube daran Aufmerksamkeit, die anderswo fehlt. Beides lässt sich mit einem gut geführten Kalender in einer einzigen Wintersaison klären. Bei häufigen oder sich verändernden Attacken gehört die Auswertung ohnehin in die neurologische Sprechstunde und nicht in einen Ratgebertext.

Häufige Fragen

Kann Föhn wirklich Migräne auslösen?

Für den Alpenföhn ist das nicht untersucht. Die nächstgelegene Evidenz stammt vom kanadischen Chinook, einem Fallwind desselben Typs. Dort lag in einer Tagebuchstudie an 75 Personen aus einer Kopfschmerzsprechstunde die Chance eines Attackenbeginns an windstarken Chinooktagen um den Faktor 1,41 höher, an den Tagen davor um den Faktor 1,24. Die Mehrheit der Untersuchten reagierte allerdings auf keine der beiden Konstellationen, und eine prospektive Untersuchung an 60 Kindern und Jugendlichen fand 2025 überhaupt keinen Zusammenhang.

Steigt oder fällt der Luftdruck bei Föhn?

Er fällt. Der Deutsche Wetterdienst beschreibt in seiner Fachreihe promet einen Druckfall stromabwärts des Gebirgseinschnitts, der bei allen schnellen Einschnittströmungen auftritt und bei hochreichendem Föhn größer ausfällt als bei seichtem, weil die Luft aus größeren Höhen herabsteigt. Auf der Leeseite, also nördlich des Alpenhauptkamms, liegt der Druck während der Föhnlage deshalb tiefer. Füllt sich das Tal danach wieder mit kälterer und damit dichterer Luft, kehrt sich das um.

Warum ist der November in München unruhiger als der Januar?

Das zeigen unsere Messdaten, erklären können wir es damit noch nicht. In der Auswertung von drei Jahren stündlicher Druckdaten liegt der unruhigste Monat in München und Augsburg im November, während die meisten deutschen Städte unseres Datensatzes ihr Maximum zwischen Dezember und Februar haben. Der Föhn ist eine naheliegende Erklärung, aber unsere Daten trennen Föhnlagen nicht von anderen Wetterlagen, und Basel zeigt dieselbe Verschiebung ohne Föhn.

Warum zeigt meine Wetter-App für München nicht 956 hPa?

Weil Wetter-Apps den auf Meereshöhe umgerechneten Druck anzeigen, damit Stationen unterschiedlicher Höhe vergleichbar bleiben. Der tatsächlich vor Ort gemessene Wert liegt in München wegen der Höhenlage von 524 Metern rund 60 hPa darunter. Für die Frage, ob dich Wetter beeinflusst, spielt der absolute Wert ohnehin keine Rolle, sondern nur seine Veränderung.

Gilt das auch für Zürich, Salzburg und Luzern?

Die Datenlage ist dieselbe, die lokale Ausprägung nicht. Innsbruck bekommt den Südföhn durch das Wipptal, das laut promet nördlich des Brenners im querverlaufenden Inntal endet. Luzern bekommt ihn durch das Reusstal, Salzburg lebt vom Wechsel zwischen Nordstau und Föhndurchbruch, Zürich hat neben dem Föhn noch die Bise als zweites Regime. Klagenfurt gehört ausdrücklich nicht dazu: Dort prägen Kaltluftseen im Becken und Tiefs von der Adria den Druckverlauf. Die Stadtseiten zeigen für jeden Ort die gemessenen Mittelwerte, Sturmtiefs und Schwankungsbreiten.

Quellen